Marseille

Marseille ist nicht nur deutlich besser als sein Ruf. Nein, mit seinem mediterranen Klima, hervorragender Küche und nicht zuletzt 300 Sonnentagen im Jahr zählt die Stadt für mich zu den Top Ten Orten zum Leben.

Die von den Griechen um ca. 600 vor Christus unter dem Namen Massilia gegründete Stadt ist die Älteste und mit ca. 850.000 Einwohnern noch vor Lyon die zweitgrößte Stadt Frankreichs. Marseille ist die Hauptstadt der Präfektur Provence-Alpes-Côte d’Azur und des Departements Bouche-du-Rhône.

Anreisen kann man wie die Griechen vor 2.600 Jahren mit dem Schiff, von Deutschland aus aber eher mit Auto, Bahn oder Flugzeug.
Mit dem Auto sind es von Frankfurt am Main aus über Mulhouse und Lyon ca. 1.000 Kilometer, für die man knapp 10 Stunden reine Fahrtzeit einrechnen sollte, die Autobahnen in Frankreich sind grundsätzlich mautplichtig.

Etwas schneller ist man da mit der Bahn und hier dem TGV, der für die gleiche Verbindung acht Stunden benötigt und täglich gegen 14:00 Uhr in Frankfurt am Main abfährt und gegen 22:00 Uhr in Marseille an der Gare St. Charles ankommt. Der Bahnhof thront hoch über der Stadt und ist selbst eine Sehenswürdigkeit.

Treppe zum Gare St. Charles

Treppe zum Gare St. Charles

Flugverbindungen nach Marseille gibt es zahlreiche, die allerdings fast alle über Paris und damit zu recht langen Umsteigezeiten führen. Die gute alte Lufthansa aber fliegt einmal täglich non stop von Frankfurt nach Marseille und zurück, mit zeitiger Buchung kamen wir auf gut 200 € für das Ticket.
Der Aeroport Marseille Provence ist im 20 Minuten Takt mit einem Shuttlebus von Plattform 2 aus mit der Gare St. Charles verbunden, das Ticket kostet 8,50 €. Vom nahe gelegenen Bahnhof Vitrolles aus fahren Züge nach der Gare St. Charles, die Fahrt dauert ebenfalls ca. 20 Minuten und kostet 4,90 €. Vom Flughafen zum Bahnhof kommt man mit einem Shuttlebus von der Plattform 6 aus in 5 Minuten.

Es gibt zahlreiche Hotels in jeder Preisklasse, wir hatten uns im September 2014 im Apart Hotel Adagio Vieux Port gerade 10 Fußminuten von demselben entfernt für ca. 90 € das Doppelzimmer ohne Frühstück einquartiert, das Preis-Leistungsverhältnis war damit gut und ich kann das Hotel empfehlen.

Als öffentlicher Nahverkehr stehen Metro, Tram und Busse zur Verfügung, eine Einzelfahrt kostet 1,50 €, das 3-Tagesticket hätte 10,50 € gekostet. Die Altstadt auf den Hügeln rund um den Hafen ist aber sehr gut zu Fuß erkundbar, ein paar Steigungen sollte man aber nicht scheuen. 

Treppe zum Cours Julien

Treppe zum Cours Julien

Nun aber zu Ullis Karte, der als Deutscher 20 Monate hier lebte und uns im Café am Vieux Port erst einmal seine besten Spots in Marseille auf eben dieser Karte einzeichnete. Den kompletten Stadtplan als PDF gibt es hier.

Ullis Karte

Ullis Karte

Der alte Hafen ist das Herz der Stadt, von hier aus kann man die Stadt perfekt erkunden und von den allerdings recht touristischen Bars, Cafés und Restaurants aus das Treiben im und um den Hafen, zum Beispiel bei einem Pastis, beobachten.

Neueste Attraktion des Hafens ist seit 2013 der spiegelnde Baldachin von Sir Norman Foster, der hier wirklich auch neue Perspektiven eröffnet.

Spiegelnder Baldachin am Vieux Port

Spiegelnder Baldachin am Vieux Port

Nördlich des alten Hafens geht es hinauf in das Quartier du Panier mit seinen engen und verwinkelten Gassen. Hier kann man auf einem der kleinen Plätze eine ruhige Kugel Pétanque schieben oder in der Bar des 13 Coins in der 45 Rue Sainte-Françoise auf den Spuren von Jean-Claude Izzo wandeln, der seiner geliebten Heimatstadt mit den drei KriminalromanenTotal Cheops„, Chourmo“ und „Solea“ ein literarisches Denkmal setzte.

Bar des 13 Coins

Bar des 13 Coins

2001 wurde die Trilogie von TF1 mit Alain Delon in der Rolle des Titelhelden unter dessen Namen Fabio Montale verfilmt. Die öffentlich bekannte rechte Gesinnung des Hauptdarstellers stand dabei im Widerspruch zur empathischen Haltung der verkörperten Romanfigur und führte zu starkem Protest der Familie und der Fans des 2000 verstorbenen Autors.

Auf der anderen Seite vom Panier gelangt man zur neobyzantinischen Cathédrale de la Major, die in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts erbaut wurde und neben Notre Dame de la Garde die imposanteste Kirche der Stadt ist.

Cathédrale de la Major

Cathédrale de la Major

Westlich der Kathedrale befinden sich entlang der weitläufig angelegt Promenade Robert Laffont das Musée des Civilisations de l’Europe et de la Méditerranée, kurz MuCEM, das sich Marseille 2013 als Kulturhauptstadt Europas gönnte, sowie die Villa Méditerranée.

Villa Méditerranée

Villa Méditerranée

Musée des Civilisations de l’Europe et de la Méditerranée

Musée des Civilisations de l’Europe et de la Méditerranée

Zurück am alten Hafen kann man die Canebière entlang die Stadt hinauf laufen, die ehemalige Prachtstraße hat ihren Namen wirklich vom Hanfhandel, der früher ganz legal hier betrieben wurde.
Biegt man dann rechts in den Boulevard Garibaldi ein, so gelangt man an den Cours Julien.

Cours Julien

Cours Julien

Der gleichnamige Platz an dessen Ende bietet zahlreiche Restaurants und Bars, sowie in den Nebenstraßen auch die angesagten Szenelokale der Stadt, wie 2014 das „Le Champ de Mars“.

Die beste Aussicht über Marseille hat man von Notre Dame de la Garde südlich über dem alten Hafen.

Marseille par Notre Dame de la Garde

Marseille par Notre Dame de la Garde

La Bonne Mère, wie die Kirche von den Einheimischen genannt wird, ist mit ihrer weithin sichtbaren vergoldeten Marienstatue auf dem Hauptturm das Wahrzeichen der Stadt.

Notre Dame de la Garde

Notre Dame de la Garde

Wie die Cathédrale de la Major wurde sie in der zweiten Hälfte des 19 Jahrhundert im neobyzantinischen Stil erbaut.

Vieux Port et la Bonne Mère

Vieux Port et la Bonne Mère

Wer den Aufstieg zu Fuß scheut, der fährt vom alten Hafen aus am besten mit dem Bus Nr. 60 in 20 Minuten für 1,50 € die einfache Fahrt hinauf und genießt von dort oben den Blick über Marseille und den Hafen mit dem vorgelagerten Château d’If und der Île de Frioul.

Château d'If

Château d’If

Von der Rückseite aus kann man auch einen Blick auf das für die Fußballeuropameisterschaft 2016 bereits umgebaute Stade Vélodrome, der Heimat von Olympique Marseille, werfen.

Stade Vélodrome

Stade Vélodrome

Den Abstieg von Notre Dame de la Garde in die Stadt empfehle ich aber unbedingt zu Fuß zu machen, denn der Weg nach unten führt durch verwinkelte Gassen und über steile Treppen.

Treppe in Marseille

Treppe in Marseille

Quer durch die lebendige Stadt bieten sich so immer wieder phantastische Aussichten auf la Bonne Mère und den alten Hafen.

Ebenfalls eine hervorragende Aussicht bietet sich vom Palais du Pharo, welches sich auf der dem alten Hafen vorgelagerten Halbinsel befindet.

Palais du Pharo

Palais du Pharo

Der Palais wurde als kaiserliche Residenz für Napoléon III erbaut, der sie aber nie bewohnte und dient heute als nobles Kongresszentrum.

Für Sonnenhungrige bietet die Metropole am Mittelmeer den künstlichen Strand Le Prado, welcher über die Corniche Kennedy in ca. 45 Minuten mit dem Bus Nr. 83 vom alten Hafen aus zu erreichen ist. Wer hier allerdings einen palmengesäumte Strand erwartet wird enttäuscht, dafür gibt es jedoch zahlreiche Beachclubs, die Liegen zu 13 € und Sonnenschirme zu 6 € pro Tag anbieten. Der Strand ist allerdings so weitläufig angelegt dass man diese Angebote nutzen kann, aber nicht muss.

Le Prado

Le Prado

Entlang der Uferstraße gibt es in Stadtnähe weitere Bademöglichkeiten wie z.B. den Plage des Catalans an der Rue des Catalans in der Nähe des Palais du Pharo, welcher ebenfalls mit dem Bus No. 83 zu erreichen ist.

Tipp: An der Corniche Kennedy liegt auch der Vallon des Auffes, ein malerischer kleiner Hafen im 7. Arrondissement.

Natürlich bietet es sich an, von Marseille aus auch Ausflüge in die Umgebung zu machen, z.B. in die Calanques des Cassis, die Küstenregion östlich von Marseille mit fjordähnlichem Charakter.

Calanques de Cassis

Calanques de Cassis

Der Parc National des Calanques kann zum Beispiel als Wandertour erkundet werden, man sollte aber für einen solchen Tagesausflug gut zu Fuß sein. Eilige besuchen die Calanques per Schiffstour, von Marseille aus dauert die große Rundfahrt bis Cassis knappe 4 Stunden und kostet 29 € für Erwachsene. Die Karten werden direkt am Anleger am Vieux Port verkauft. Aber egal ob zu Fuß oder per Boot, die weißen Calanques des Cassis sind auf jeden Fall einen Besuch wert.

An der Cour Honoré d’Estienne d’Orves, 150 Meter südlich des alten Hafens, wimmelt es von Bars und guten Restaurants.

Cour Honoré d’Estienne d’Orves

Cour Honoré d’Estienne d’Orves

A propos Essen und Marseille, zwei Gerichte dürfen hier nicht unerwähnt bleiben und sollte man auf jeden Fall kosten:
Einmal das Aioli de Marseille, ein herzhaftes Gericht der Region mit frischem Fisch, Kartoffeln und kurz gegartem Gemüse, serviert mit einer kräftigen Aioli Sauce. Man bekommt es an quasi jeder Ecke zu zumeist vernünftigen Preisen um die 10 € und nach dem Genuss der lokalen Spezialität ist man auf jeden Fall gestärkt für neue Erkundungstouren in der hügeligen Stadt.

Aioli de Marseille

Aioli de Marseille

Und natürlich die Bouillabaisse, die traditionelle Fischsuppe mit sieben Sorten Fisch, Meeresfrüchten und Gemüse. Serviert werden der Fisch, die Meeresfrüchte und das Gemüse dann getrennt von der mit Mehl dunkel gebundenen Suppe und zusammen mit Baguette und Rouille, einer scharfen Knoblauchmayonnaise. Ursprünglich war sie ein Resteessen der Fischer. Erst im Laufe der Zeit entwickelte sich die Bouillabaisse durch die Verwendung hochwertiger Fische und Meeresfrüchte wie Wolfsbarsch und Langusten zur heute angebotenen Spezialität. Bon appétit.

Eine Schlussbemerkung möchte ich noch machen. Marseille ist gut auf seine Besucher eingestellt, aber keine Tourstenstädtchen, sondern eine echte Metropole am Mittelmeer mit allen Vor- und Nachteilen. Dafür bekommt man aber auch eine echte Stadt zum Leben. Auf seine Wertsachen muss man hier, wie fast überall auf der Welt, gut Acht geben, aber auch nicht mehr.
Die überwiegend von Immigranten aus Frankreichs ehemaligen Kolonien in Nordafrika besiedelten Quartiers du Nord, in Richtung Aix-en-Provence, sind immer noch soziale Brennpunkte. So wird in den Abendstunden der Busverkehr dorthin einfach eingestellt. Die braunen Rattenfänger des Front National leben hier und insbesondere im benachbarten Toulon politisch gut von der Angst vor diesen Anderen dort vor den Toren.
Diese Anderen kommen aber aus Ländern wie zum Beispiel Algerien, das seit 1848 nicht einmal als Kolonie, sondern als Teil Frankreichs betrachtet wurde und sich erst in einem blutigen Krieg von 1954 bis 1962 vom vermeintlichen Mutterland löste.
Und so sind es seit 2.600 Jahren die, die über das Meer kommen, die die Stadt (aus)machen. Auch deshalb ist Marseille eine Stadt zum (er)leben.

© Joe 2014

 

 

 



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